Verbandschef: Im Mittelstand herrscht blanke Existenzangst

Tichys Einblick

Die Energiefrage ist nicht das einzige Problem, das die Unternehmen unter Druck setzt. TE-Gespräch mit dem Geschäftsführer des Mittelstands-Verbandes Markus Jerger über Atomkraft, Fachkräftemangel, die Lernkurve von Robert Habeck – und die Folgen der Merkel-Ära für Deutschland.

Der Mittelstandsverband BVMW fürchtet mit Blick auf den Mangel an Gas und Strom eine massive Krise vieler Unternehmen im kommenden Winter. Verbandschef Markus Jerger sagt im Magazin Tichys Einblick: „Bei vielen Unternehmen herrscht blanke Existenzangst. Nach zwei entbehrungsreichen Pandemiejahren und nie da gewesenen wirtschaftlichen Herausforderungen mit Lockdowns und bis heute nicht behobenen Lieferkettenstörungen sind Energiepreisexplosionen, nicht nur bei Gas, echte Rentabilitätskiller. Für viele ist es der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Nicht wenige stellen Berechnungen an, ob eine Stilllegung der Produktion einer Aufrechterhaltung vorzuziehen ist.“

Immer mehr Unternehmen wollten energieintensive Produktion ins Ausland verlagern. „Immer mehr kommen zu dem Ergebnis, dass eine Produktionsverlagerung an kostengünstigere Standorte ein Ausweg ist. Für den Innovations­- und Investitionsstandort Deutschland ist das ein verheerendes Zeichen. Ich bin in großer Sorge“, so Jerger.

Sorgen macht dem Verbandschef auch, dass bislang nicht geklärt ist, wie die Bundesnetzagentur knappes Gas zwischen Haushalten und Unternehmen verteilt. „So wie ich das verstanden habe, bedient sie zunächst geschützte Verbraucher wie private Haushalte, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen. Und erst danach Unternehmen aus Industrie und Mittelstand.“ Dabei befürchtet Jerger, dass die Bundesnetzagentur den Mittelstand benachteiligt. „Wichtig ist uns, dass die Bundesnetzagentur nicht diejenigen mit dem dicksten Finanzpolster bevorzugt mit Gas beliefert, sondern Betriebe, die das Gas am dringendsten benötigen. Das geplante Auktionsmodell sehen wir als Verband deshalb kritisch. Es benachteiligt Mittelständler, die anders als Konzerne an den Standort Deutschland gebunden sind und nicht weltweit umdisponieren können.“

Schon jetzt seien wegen der extremen Preissteigerungen die energieintensiv produzierenden Betriebe in Deutschland nicht mehr in der Lage, Aufträge mit Gewinn abzuschließen. „Es ist tragisch, was sich da abspielt.“ Um einen Niedergang des Mittelstandes zu verhindern, sei der Bund nun in der Pflicht, „kurzfristige Entlastungsmaßnahmen zu veranlassen“, so Jerger. „Dazu gehören neben der Abfederung der sprunghaft gestiegenen Energiekosten auch eine Senkung der Steuerniveaus und eine vollständige Rückgabe der Mehreinnahmen durch die kalte Progression.“

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