„Beschämend“: Top-Manager rechnet mit Ära Merkel ab – „Deutschland ist ein Sanierungsfall“

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Verbandschef Markus Jerger und Top-Manager Wolfgang Reitzle richten gallige Worte Richtung Bundeskanzlerin Merkel. Vor allem Reitzle hält nicht hinter dem Berg.

Berlin – Dicke Luft in Berlin: Im Vorfeld des heutigen Wirtschaftsgipfels mit Peter Altmaier zielen Wirtschaftsvertreter aus dem angeschlagenen Mittelstand und aus der Automobilindustrie mit verbalen Giftpfeilen Richtung Berlin. Ins Visier nehmen sie nicht Altmaier, sondern Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU).

Bevor Merkel „nach Gutsherrinnenart den Unternehmern neue Vorschriften macht, sollte sie sich über die Folgen im Klaren sein“, sagte Markus Jerger, Chef beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft, heute den Funke-Zeitungen zur kontrovers diskutierten Testpflicht in Unternehmen, die möglicherweise eingeführt und heute Abend wohl mindestens besprochen wird.

Abrechnung mit Merkel: „Für ein führendes Industrieland beschämend“

In der um elf Uhr gestarteten Schalte geht es acht Wochen nach dem jüngsten Gipfel laut einer Ministeriumssprecherin darum, dass alle Branchen ihre aktuellen Probleme nennen können. Der langjährige Linde-Chef und amtierende Aufsichtsratschef des Gasherstellers, Wolfgang Reitzle, prescht voran. Wie Jerger wendet er sich jetzt nicht an Altmaier, sondern über die Welt am Sonntag an Angela Merkel. In einem Interview greift er zu drastischen Worten, wenn er die deutsche Wirtschaftslage beschreibt – Corona habe damit nur am Rande zu tun. Allerdings würden Pandemie und Impfdesaster die Probleme schonungslos offenlegen, sagt er.

Reitzle fällt ein vernichtendes Urteil zur Wirtschaftslage der Nation und rechnet mit der Regierung ab – insbesondere aber mit den „Grünen“, mit Berlins Bürgermeister Michael Müller und allen voran mit der Bundeskanzlerin. „Nach fast 16 Jahren Merkel ist Deutschland in vielen Bereichen ein Sanierungsfall“, sagt er. Eine im Faxzeitalter stecken gebliebene Bürokratie, Digitalisierungsrückstand, kein schnelles Internet, massive Mängel in der Infrastruktur und marode Schulen seien nur einige Beispiele für Defizite, „die für ein führendes Industrieland beschämend sind.“

Merkel im Visier des Top-Managers: „Bei uns scheint das niemanden mehr aufzuregen“

Auch vermeintliche Versäumnisse bei der Bundeswehr und in der Verbrechensbekämpfung sind Wolfgang Reitzle ein Dorn im Auge. „Berlin ist heute eine der wohl am schlechtesten regierten Hauptstädte Europas. Das Wegschauen bei Kriminalität, das Zulassen von Hausbesetzungen und die Ausbreitung der Klankriminalität – wo immer man hinschaut.“ Und dann schaut Reitzle Richtung Schönefeld: Die Unfähigkeit, einen Flughafen zu bauen, habe die ganze Welt erstaunt, sagt er. „Bei uns scheint das niemanden mehr aufzuregen.“

In Deutschlands Impfchaos sieht sich Top-Manager Reitzle in seinen Ansichten vollumfänglich bestätigt. Der Staat versage hier kläglich – „wie immer, wenn es um Effizienz und Geschwindigkeit geht.“ In einem Punkt geht es Reitzle allerdings zu schnell: Die E-Mobilität werde mit immer kürzeren Terminvorgaben ohne Rücksicht auf Unternehmen und hunderttausende Mitarbeiter erzwungen.

Abrechnung mit Angela Merkel und Grünen: Geht es ihnen gar nicht wirklich ums Klima?

„Der Verbrennungsmotor scheint an sich etwas Böses zu sein. Da muss dann schon die Frage erlaubt sein, ob es den Grünen wirklich ums Klima geht oder vielmehr um die Durchsetzung der von ihnen favorisierten Technologie“, sagt Reitzle. Dennoch werde Deutschland den Umstieg auf die E-Mobilität meistern – dies sei „die Zukunft“. Nach Reitzles Geschmack hätte die Zukunft wohl schon vor sechs Jahren angefangen: „Die Merkel-Jahre sind ein Beispiel dafür, dass es besser wäre, Spitzenmandate auf zehn Jahre zu begrenzen“, sagt Reitzle über die scheidende Kanzlerin.

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